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woxx | 10 04 2015 | Nr 1314
REGARDS 11
sen. 1972 putschen Militärs und eta- blieren ein Regime, das sich auf den Marxismus-Leninismus beruft. Zwar kann Kidjo mit ihrer ersten Schall- platte 1980 einen Erfolg in Westafrika verbuchen, doch will sie sich nicht dem Druck der Regierung unterwer- fen, Loblieder auf die Herrschenden zu singen: Sie muss für sechs Jahre ins Exil nach Frankreich. Dort be- ginnt sie zunächst ein Jurastudium, da ihr durch ihr eigenes Schicksal der Schutz der Menschenrechte ein be- sonderes Anliegen wird. Schließlich entscheidet sie sich für ein Jazzstu- dium, das sie mit schlechtbezahlten Aushilfsjobs finanziert. Sie trifft auf den niederländischen Jazzer Jasper van t‘Hoff, der mit seiner Guppe „Pili Pili“ offen für Weltmusik ist, und singt bei einigen Plattenaufnahmen der Band.
1989 schließlich veröffentlicht sie ihr erstes internationales Soloalbum „Parakou“. Es wird in Paris mit mo- dernster Studiotechnik produziert. Das zweite Album „Logozo“ (1991) ent- hält das tanzanische Lied „Malaika“, das durch Miriam Makeba weltbe- kannt wurde und Kidjo die verdiente Anerkennung verschafft. Einen Hit enthält dann aber das folgende Al- bum „Ayé“ von 1994. Der Track „Ago- lo“ erreicht, wenn auch eher im unte- ren Mittelfeld, die Popcharts in vielen Ländern. Das ist bemerkenswert, denn Kidjo rutscht hier keineswegs in einen seichten Hitparadenstil ab. Zwischen 1998 und 2004 veröffent- licht sie drei Alben („Oremi“, „Black
Angélique Kidjo hat mit ihrer Musik schon viele grenzen gesprengt.
Ivory Soul“, „Oyaya!“), die die Beziehung zwi- schen afrikanischer und lateinamerikani- scher Musik ausloten. 2007 erhält die CD „Djin Djin“ einen Gram- my, ebenso wie vor wenigen Monaten das Album „Eve“.
Exiltrauma
Kidjo hat mit zahl-
reichen bekannten Musikerinnen und Mu-
sikern von Weltmusik bis Jazz und Pop (Carlos Santana, Peter Gabriel, Branford Marsalis, Manu Dibango) zu- sammengearbeitet und ebenso Cover- Versionen von Stücken aus anderen Musikrichtungen aufgenommen (u.a. Voodoo Chile - bei ihr heißt es Voo- doo Child - von Jimi Hendrix, Sum- mertime von Gershwin). Nie aber hat sie dabei ihre musikalische Identität oder ihre Verwurzelung in der Musik Benins verloren.
Die schmerzvollen Erfahrungen im erzwungenen Exil prägen sie bis heute persönlich und als Künstlerin. In einem Interview mit dem briti- schen Songlines-Magazin beschreibt sie die Rolle der traditionellen Sänger in Westafrika, die ihren Zuhörern his- torische und aktuelle politische Infor- mationen vermitteln. In dieser Rolle sieht auch sie sich. Sie engagiert sich bei Unicef und Oxfam, setzt sich für Flüchtlinge und ein Verbot der Mäd-
chen-Beschneidung ein, kämpft gegen die Benachteiligung von Frauen und betreibt ihre eigene NGO „Batonga“, die die schulische Bildung von Mäd- chen fördert. Das Album „Eve“ aus dem letzten Jahr ist den Frauen Afri- kas gewidmet.
Angélique Kidjo ist stets für Über- raschungen gut. Schon auf „Eve“ ist ein Stück zu finden, das sie mit dem Orchestre Philharmonique du Luxem- bourg aufgenommen hat. Nun ist mit dem OPL unter Leitung von Gast Wal- tzing eine ganze CD erschienen. Das neue Album „Angélique Kidjo sings“ enthält im Wesentlichen Neuinterpre- tationen alter Stücke, aber auch zwei bisher unveröffentlichte Songs. Wer die ursprünglichen Aufnahmen in an- derer Instrumentierung kennt, kann vergleichen. Vor allem „Malaika“, und auch „Kelele“ überraschen po- sitiv. Das Orchester transportiert die Stimmung und trägt die Stimme Kid-
jos wirklich gut. Andere Stücke, wie „Samba Pa Ti“, „Bahia“ und vor allem „Ominira“ sind zu „schön“, zu orches- tral, enthalten zu wenig Voodoo. Das bisher unveröffentlichte „Otishe“ ist aber eine wirkliche Perle. Mein per- sönliches Fazit: Für einen alten Kidjo- und Afrika-„Fan“ist das Album eher durchwachsen. Aber vielleicht kann es Hörern, die von der klassischen Musik kommen, einen Zugang zur Musik Kidjos öffnen.
Am 15.4. (22.00 - 23.30 uhr) bei „Mondophon“ auf Radio ARA (103, 4 und 105,2 MHz). Thema: Musik aus Benin und von Angélique Kidjo sowie Weltmusik aus deutschland
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