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woxx | 10 04 2015 | Nr 1314
REGARDS 15
Fukushima am Mittelmeer: Bei einem durchaus im Bereich des Möglichen liegenden Tsunami wäre das Kernkraftwerk bei Akkuyu, das in knapp zehn Jahren ans Netz gehen könnte, von der Zerstörung bedroht. Unser Bild zeigt ein Modell der Anlage.
U-Boot. Diese Form in dieser Lage lei- tet Tsunami-Wellen ganz besonders an diesen Teil der Küste.“
Ein Tsunami träfe in Akkuyu, wo das Atomkraftwerk entsteht, auf eine ungeschützte Küste. Rosatom hat zwar bereits einen Schutzwall um das Ge- lände gebaut. Tsunami-Wellen würden sich im Falle eines starken Bebens al- lerdings um Zypern herum ausbreiten und die Küste samt Schutzwall über- schwemmen. Ein Ausfall der elekt- rischen Kühlung, wie in Fukushima, könnte eine Kernschmelze auslösen. Sinan Özeren fürchtet, ein Unfall könn- te Folgen für das gesamte östliche Mit- telmeer haben: „Das ganze Gebiet bei Akkuyu, aber auch die Ägäis bis hin- auf zur Straße von Messina vor Südita- lien, würden belastet. Das Mittelmeer ist ja topographisch fast wie ein ge- schlossenes Becken.“
Die Türkei braucht keine Atom- energie. Wenn es um Stromerzeugung geht, bestehen fast unbegrenzte Mög- lichkeiten. Es gibt kaum ein Land auf der Erde mit einem so großen Potenzi- al an erneuerbaren Energiequellen. In Akkuyu etwa scheint dreimal so viel Sonne wie an den wärmsten Orten Deutschlands. Auf der Dorfmoschee haben die Bewohner von Akkuyu eine Solaranlage installiert. Sie profitiert
von durchschnittlich 3.000 Stunden Sonne im Jahr und erzeugt Strom und warmes Wasser. Rund 7.000 Kilome- ter Küste bieten der Türkei zudem ein enormes Windpotenzial.
An der Marmara-Universität in Istanbul werden die Möglichkeiten erneuerbarer Energien erforscht. Der Atomphysiker Tanay Sıdkı Uyar ist als Kenner der Gefahren von Nuklearener- gie strikter Befürworter einer Alterna- tive. „Ich habe 1989 das Potenzial für Windenergie in der Türkei berechnet. Wir können das Doppelte des Energie- bedarfs der Türkei nur mit Windener- gie erzeugen. Ein Erdbebengebiet zu sein, bietet den Vorteil, viele geother- male Quellen zu haben. In Deutsch- land müssen Sie vier Kilometer boh- ren, um an heiße Quellen zu kommen. In der Türkei haben Sie schon nach 100 Metern Quellen von 130 Grad Hit- ze. In 800 Meter Tiefe finden sie Was- serdampf, der über 200 Grad heiß ist.“
In Geothermalwerken wird Wasser- dampf eingesetzt, um über Turbinen Strom zu erzeugen. Die hohe tekto- nische Aktivität in der Türkei erzeugt Erdwärme. Bei Bohrungen schießt hei- ßer Wasserdampf aus der Erde, der zur Stromerzeugung genutzt werden kann. Bislang gibt es nur viel zu wenig da- von. Neun Geothermalwerke stehen
bislang vor allem in der Westtürkei, 14 weitere werden zurzeit gebaut. Nach offiziellen Angaben belaufen sich die schon bereitstehenden Geothermalka- pazitäten im Lande auf insgesamt 334 Megawatt. Das technische Potenzial der Geothermalenergie für die Strom- erzeugung in der Türkei wird auf rund 2.000 Megawatt beziffert.
Wie viele andere Länder ist auch die Türkei derzeit auf Energieimporte angewiesen. Sie bezieht 73 Prozent ih- res Energiebedarfs aus dem Ausland. Der größte Teil wird in Form von Erd- gas, Erdöl und Kohle verbraucht. Die fossilen Energieträger kommen vor al- lem aus dem Iran und aus Russland, nur die besonders umweltschädliche Braunkohle kommt aus der Türkei. Sie deckt 16 Prozent des Energiebedarfs. 25,3 Prozent werden mit Wasserkraft erzeugt. Nur 0,6 Prozent des Energie- bedarfs werden aus anderen regene- rativen Energien wie Windkraft und Sonnenenergie gewonnen.
Angesichts des Potenzials ist Prä- sidentErdog˘ansVision,dieTürkeizu einem Energieexporteur zu machen, nicht, wie von ihm behauptet, von Atomenergie abhängig. Der Ausbau von Windenergie, geothermaler Ener- gie und Wasserkraft in der Türkei würde ausreichen, um 20 Prozent des
gesamteuropäischen Energiebedarfs zu decken, betont Tanay Sıdkı Uyar. Die Triebkraft hinter den Plänen der Regie- rung seien die Bestrebungen, mit der auch militärisch nutzbaren Atomener- gie eine politisch noch einflussreiche- re Regionalmacht zu werden und vor allem dem Rivalen Israel nicht nach- zustehen, glaubt er. Der Stromausfall am 31. März habe jedoch vor allem gezeigt, wie fragil die staatliche Kont- rolle über die Energieversorgungstech- nologien ist.
Sabine Küper-Büsch arbeitet als Journalistin und berichtet für die woxx vorwiegend aus der Türkei. Sie lebt in Istanbul.
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