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woxx | 17 04 2015 | Nr 1315
REGARDS 7
Wenn man das Thema Religion nie kennenlernt oder nur von der eigenen Religionsgruppe her kennt, dann ent- steht das Problem, dass man darüber nichts weiß und dementsprechend Vorurteile haben kann.
„Es ist ja nicht so,
als ob die Absicht bestünde, Propaganda für Religionen zu betreiben.“
Verstehen Sie die Kritiken der laizis- tischen Vereinigungen an der Religi- onslastigkeit des Rahmendokuments?
Ich kann nicht erkennen, dass das Rahmendokument religionslastig ist. Wenn man natürlich auf Dokumente reagiert, in denen Religionen über- haupt erwähnt werden und das als Fehler betrachtet, dann kann man das verstehen – in dem Sinne, dass man offensichtlich Religion überhaupt nicht in den Schulen haben will. Wir wissen aber überhaupt noch nicht, welchen Stellenwert genau die Be- handlung von Religion in dem Lehr- plan haben wird. Das muss erst aus- gehandelt werden.
Gibt der Umstand, dass die laizisti- schen Vereinigungen sich allesamt mehr oder weniger empört zeigen, das luxemburgische Bistum das Rah- mendokument aber begrüßt, Ihnen zu denken?
Ich weiß nicht, was hinter den bei- den Stellungnahmen steckt, aber man kann ja vermuten, dass, wenn das Bistum dafür ist, die anderen dage- gen sind. Es wird sich zeigen, ob es wirklich substanzielle Einwände sind. Ich bin ja auch nach meinem Vortrag gefragt worden, wo die Religionskri- tik bleibt - das wird sich alles zeigen. Es ist ja nicht so, als ob die Absicht bestünde, Propaganda für Religionen zu betreiben. Die Frage ist: Wie le- ben Religionen in einer Gesellschaft wie Luxemburg? Wie ist das interne Zusammenleben, wie sind die gesell- schaftlichen Beziehungen, wie ist die Öffentlichkeit? Und dann wird man natürlich auch darüber nachdenken, was den Kern dieser Religionen aus- macht. Doch um es zu wiederholen: Das ist nicht das zentrale Thema. Das neue Fach heißt „vie et société“ und ist viel weiter gefasst, umfasst zum Beispiel auch politische Dimensio- nen: Was ist die Teilhabe von Migran- ten oder von bestimmten religiösen Gruppen am öffentlichen Leben? Oder auch: Wie läuft die Integration? Das sind alles Fragen, die mit dem Stich- wort „Lebenswelten“ zusammenhän-
gen. Das Züricher Fach „Religion und Kultur“ ist dagegen viel enger gefasst. Da geht es zum Beispiel nur um Reli- gionen. In Luxemburg ist ein ganz an- derer Auftrag vergeben worden, und ich wundere mich, dass das nicht ein- fach so gesehen werden kann. Und es ist alles viel vorläufiger, als es disku- tiert wird. Wenn wir wirklich etwas substanziell vorliegen haben, dann wird das selbstverständlich öffentlich diskutiert werden. Dann kann man sich immer noch streiten. Wir werden sehen, wie weit das in der Arbeits- gruppe geht und welche Rolle das Arbeitspapier dann tatsächlich spielt.
„Es gibt für ‚vie et société‘ in meinen Augen nicht eine Leitdisziplin, das geht gar nicht.“
Welche Schwierigkeiten sind bei den Arbeiten am Fach „Religion und Kul- tur“ - an denen Sie beteiligt waren - in der Schweiz zutage getreten? Gibt es Ähnlichkeiten mit der Situation in Luxemburg?
Nur mit den Freidenkern hatten wir ähnliche Konflikte. Die waren ganz am Schluss in einer Arbeitsgrup- pe und haben das Fach dann noch in Frage gestellt. Das Fach selber ist unter Berücksichtigung der Vertreter der Religionsgemeinschaften, die von Anfang an im Boot waren, entwickelt worden. Es gab innerhalb der Arbeits- gruppe, die während ungefähr zehn Jahren in wechselnder Zusammen- setzung tätig war, einen belastbaren Konsens. Die Zusammenarbeit hat einfach ein Vertrauensverhältnis ge- schaffen und auch die Befürchtungen, dass es da nicht fair zugehen könn- te, ausgeräumt. Kritik kam von den Freidenkern, also von denen, die eine laizistische Schule wollen. Aber die sind eingestiegen, als im Prinzip al- les schon gelaufen und die Richtung nicht mehr umzudrehen war. Die Frei- denker sind aber an der konkreten Ausarbeitung beteiligt worden, weil man natürlich auch die Kinder be- rücksichtigen muss, die ohne Religion aufwachsen - und das ist dann auch geschehen, aber auf Lehrmittelebene.
Ist der Zeitplan, den der luxemburgi- sche Bildungsminister Meisch gesetzt hat, realistisch?
Das wird sich zeigen. Der Auftrag besteht darin, zunächst ein pädago- gisch-didaktisches Konzept zu erar- beiten. Das halte ich bis Sommer für machbar. Daran anschließend soll ein Lehrplan entwickelt werden, bis Ende dieses oder Anfang nächsten
Jürgen Oelkers, 1947 in Buxtehude (Deutschland) geboren, ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. In der Schweiz war er an den Arbeiten am Fach „Religion und Kultur“ beteiligt.
Jahres. Man wird dann sehen, was „Lehrplan“ genau heißt. Wir werden sicher, sowohl was das didaktische Konzept als auch was den Lehrplan angeht, mit Zwischenschritten arbei- ten, und es wird sich zeigen, wie weit die Arbeit dann Anfang 2016 gediehen ist. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Was ich aber sagen kann ist, dass es sich hier schon um ein ehrgeiziges Unterfangen handelt.
„Wenn es ewig kontrovers bleibt, kann aus dem Vorhaben nichts werden.“
Soll dem neuen Fach eine bestimm- te Wissenschaft als Leitdisziplin zu- grunde gelegt werden?
Mit Entwicklungspsychologie zum Beispiel, mit Ethnologie oder, bei der Philosophie neben der Ethik mit den Lebenswelt-Theorien in der Phäno- menologie, auch mit Soziologie und Politik. All das sind Disziplinen, auf die man sich beziehen kann, wenn und soweit sie für die Entwicklung des Lehrplans nützlich sind. Das gilt auch für Theologie und Religionswis- senschaft. Es gibt für „vie et société“
in meinen Augen nicht eine Leitdiszi- plin, das geht gar nicht.
Claude Meisch hat erklärt, er wolle einen gesellschaftlichen Konsens für das neue Fach. Sind Sie optimistisch, was das angeht?
Aus meiner Züricher Erfahrung kann ich sagen: Man braucht einen Kon- sens unter den beteiligten Akteuren - Eltern, Lehrer, Bezugswissenschaften und wer immer da noch gefragt wird. Wenn es ewig kontrovers bleibt, kann aus dem Vorhaben nichts werden. Die Akteure müssen aufeinander zugehen und sich dann auch von Maximalpo- sitionen trennen. Sonst ist der ganze Auftrag unerfüllbar. Aber diese Frage stellt sich erst, wenn man substanziell etwas vorliegen hat. Meine Tätigkei- ten in ähnlichen Gruppen haben mich gelehrt, dass die Entwicklung von Lehrplänen eine Eigendynamik hat und am Ende schon ein Produkt he- rauskommen wird, das öffentlich dis- kutiert werden muss. Dann wird man sehen, ob die Maximalpositionen sich angenähert haben oder nicht. Letzten Endes geht es dann ja auch um eine politische Entscheidung.
FOTO: JüRgEN OElKERS

