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8 REGARDS woxx | 01 05 2015 | Nr 1317 INTERNET
FACEBOOK-WELT, REALE WELT
Durch das Bildschirmglas
Raymond Klein
Eine Fotoausstellung, bei der man Schulkameraden trifft. In Roeser haben Freunde der Lokalgeschichte Facebook genutzt, um mit alten Klassenfotos Erinnerungen wachzurufen - und haben so den Sprung in die reale Welt geschafft.
Computerbildschirme, sogar die besten, spiegeln. Heißt das, dass man durch sie in eine andere Welt hin- durchgehen kann, wie die Heldin in „Through the Looking-Glass“ (Alice im Spiegelland)? Doch halt mal: Die Welt, in die Alice gelangt, ein riesi- ges Schachbrett, auf dem sie mit le- benden und ziemlich überspannten Spielfiguren zu tun hat, ist logisch und irreal-pfiffig zugleich. Mit ande- ren Worten: Sie ähnelt der virtuellen Welt, in der wir uns bewegen, wenn wir in den sozialen Medien unseren „Friends“ und „Followern“ begegnen und dort „chatten“ und „tweeten“. Da- raus folgt, dass der Sprung durch das Bildschirmglas uns aus der virtuellen in die reale Welt zurückbefördert.
Zum Beispiel in den Festsaal der Roeser Gemeinde, wo am vergange- nen Wochenende eine Art Konveniat rund um eine Fotoausstellung statt- fand. Eine Veranstaltung, zu der es ohne Social Media wohl kaum ge- kommen wäre. Am Anfang stand die Mode der „Du bist nur aus ..., wenn
...“-Facebook-Gruppen, in denen der Lokalpatriotismus gepflegt wird mit- tels Erinnerungsfotos und Sprüchen wie „... wanns de beim Pündel ge- léiert hues schwammen“. Im März vergangenen Jahres lancierte die Dü- delinger „Du bass nëmmen“-Seite ei- nen Flashmob vor dem Rathaus, und im Juli organisierte die Bettemburger Gruppe ein Mega-Konveniat. Als in der Réiserbann-Gruppe ein paar Mit- glieder anfingen, alte Klassenfotos zu posten, waren die Reaktionen recht lebhaft: „Das bin ich“, „Kennt jemand den?“, „Ist das nicht ... ?“
Klassenfoto mit Xavier
René Ballmann, Gemeindesekre- tär im Ruhestand und Vizepräsident der „Amis de l’histoire“, hatte sich eigentlich wegen seiner Kinder auf Facebook angemeldet. Doch nun fing er an, fleißig Fotos aus seinem Archiv zu posten. Im Herbst 2014 begann er, das Konzept einer Ausstellung zu entwickeln, bei der möglichst vie- le Klassenfotos mit möglichst vielen Namen gezeigt werden sollten. „Fo- tos sammeln und ordnen, eine gute Winterbeschäftigung“, erklärt er mir am Samstag in der „Buvette“ neben dem Festsaal. Ich hatte ihn als jun- gen Gemeindebeamten in Erinnerung, und der weißhaarige Senior, der mich
herzlich empfängt, versprüht den glei- chen Tatendrang wie vor 40 Jahren. Er sei sich nicht sicher, dass das plötz- lich aufgeflammte Interesse an alten Klassenfotos im Internet von Dauer sein werde, sagt er, deshalb sei es ihm wichtig gewesen, die Idee in an- derer Form weiterzuführen.
Bei der Organisation mitgeholfen haben auch der HC Berchem - wohl der wichtigste Verein im „fußballfrei- en“ Roeserbann - und die Gemeinde. Bürgermeister Tom Jungen ist auch auf einigen Fotos zu sehen. René Ballman will noch den Sonntag ab- warten, um zu sehen, wie viel Inter- esse die Ausstellung hervorruft. Einen ersten Erfolg kann er allerdings schon jetzt verbuchen: Zur Einweihung am Freitag war Premierminister Xavier Bettel persönlich erschienen - auch ein Roeserbänner. „Natürlich hatten wir ihn eingeladen“, stellt René Ball- mann klar, „aber er hatte sich nicht angemeldet - wir waren überrascht, als er plötzlich da stand und sich mit seiner alten Lehrerin unterhielt.“
Samstagsabends habe sogar eine ehemalige Klasse die Ausstellung besucht, erzählt er mir tags darauf. „Deren Konveniat war zufällig für dieses Wochenende geplant gewesen, also sind sie vorbeigekommen, um sich die Fotos anzuschauen und einen Aperitif zu nehmen. René Ballmann
ist ein guter Erzähler, er erinnert sich an seine Jugend, als die Berchemer Bahnschranke noch von Hand ge- schlossen wurde und die Bahnwär- terinnen sich manchmal viel Zeit lie- ßen. „Eine gute Entschuldigung, wenn wir zu spät zur Schule kamen“, grinst er. Ich kenne die Schranke, zu meiner Zeit war sie schon mechanisiert. „Es sind zwei Züge nacheinander gekom- men“ klang weniger überzeugend als Entschuldigung. Mittlerweile gibt es den Bahnübergang nicht mehr, statt- dessen eine Unterführung für die Au- tos; Fußgänger müssen den Umweg über den Bahnhof nehmen.
Erinnerungen@Roeserbann.lu
Während wir uns unterhalten, begrüßt René Ballmann mehrere Be- sucher, wird herbeigerufen, um ein Detail zu erklären oder einen Namen zu ergänzen. Um Personen ohne Face- book zu erreichen, hatte er einen Auf- ruf in der Gemeindezeitung „De Buet“ veröffentlicht, berichtet er. Doch Fotos und Informationen in der realen Welt zusammenzubekommen, erwies sich als schwieriger als im Internet. „Kaum jemand meldete sich, ich musste die Leute ansprechen, wenn ich sie im Cactus oder im Match traf.“ An die- sem Wochenende aber sind viele ge- kommen, ganz gleich, ob sie es über

