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woxx | 17 04 2015 | Nr 1315
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gangenen Jahr in Unternehmensgrün- dungen im Silicon Valley investiert, 60 Prozent mehr als im Vorjahr.
Im Verhältnis zum US-Energiesek- tor sind dies allerdings noch geringe Summen. Den Zahlen der Beratungs- firma Dealogic zufolge sind in den vergangenen fünf Jahren Kredite in Höhe von 1,2 Billionen Dollar allein an Unternehmen aus diesem Bereich geflossen. Und dies mit steigender Tendenz, obwohl sich der Ölpreis im vergangenen Jahr halbiert hat und die ersten Firmenpleiten, wie etwa von WBH Energy oder BPZ Ressources, gerade die Spalten der Wirtschafts- presse füllen. Trotzdem sollen seit Januar bereits fast 20 Milliarden Dol- lar in neue Aktien und Energiefonds investiert worden sein, wie die Wirt- schaftsjournalistin Heike Buchter zu- letzt in der Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete. Sie weist auch auf den für die Blasenbildung typischen Kreislauf hin: „Wegen des niedrigen Ölpreises machen die Firmen Verluste, wenn sie nach Öl und Gas bohren. Doch sie müssen bohren, sonst geben ihnen In- vestoren kein frisches Geld. Mit dem frischen Geld aus dem Verkauf von Aktien und Anleihen decken sie wie- derum die Verluste, die sie durch das Bohren einfahren.“ Profitabilität sieht anders aus.
Allein im vorigen Jahr emittierten US-Unternehmen Aktien im Wert von 1,4 Billionen Dollar. Darunter befand sich gut ein Viertel Papiere, deren Bo- nität als sehr gering eingestuft wird. Ende März warnte zudem sogar die US-Bank Goldman Sachs, sonst selbst als wenig zimperlich bekannt, vor den Risiken, die von den Schatten- banken, also nicht der Regulierung unterliegenden Instituten, ausgingen. Auf etwa 35 Milliarden US-Dollar soll sich deren Kreditvolumen vor allem für kleine und mittelständische Un- ternehmen, die sonst an keine Kredi- te herankamen, in den vergangenen Jahren gesteigert haben. Ausfälle sind hier programmiert, weshalb Zinsen bis zu zehn Prozent an der Tagesor- dung sind. Stockmans Schlussfolge- rung, den Rekordkursen liege diesmal „eine noch künstlichere und noch weniger nachhaltige Entwicklung der realen Wirtschaft zugrunde als beim letzten Mal“, ist kaum von der Hand zu weisen. Zudem habe sich die „Fi- nanzblase des weltweiten Kredit- marktes auf 200 Billionen Dollar aus- gedehnt“, was vor allem die Folge der nahezu universellen Aufkäufe von Staatsschatzbriefen durch die Zentral- banken sei.
Mit der Erwartung einer erneuten „Finanzmarktimplosion in Höhe von
50 bis 100 Billionen Dollar“ jeden- falls stehen neoliberale Ökonomen wie Stockman nicht alleine da. Jüngst hat der dezidiert linke Soziologe und ehemalige Direktor des Max-Planck- Instituts für Gesellschaftsforschung, Wolfgang Streeck, in der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internatio- nale Politik“ Ähnliches konstatiert. „Der OECD-Kapitalismus wird seit ge- raumer Zeit durch großzügige Injekti- onen frei geschöpften Geldes in Gang gehalten, im Rahmen einer Strategie monetärer Expansion, deren Architek- ten selbst am besten wissen, dass sie nicht beliebig lange fortgesetzt wer- den kann“, schreibt Streeck unter dem Titel „Das Ende des Kapitalismus“.
Diese seltene Einigkeit in den Analysen ergibt sich letztlich aus der Banalität, dass jeder neue Akkumu- lationszyklus immer mit der „gewalt- samen Vernichtung von Kapital“ (Karl Marx) beginnen muss. Irgendwann muss die Luft überakkumulierten Ka- pitals aus den Blasen gelassen wer- den – mit vermutlich verheerenden gesellschaftlichen Folgen. Von dieser Erkenntnis wollen die Verantwortli- chen jedoch derzeit nichts wissen. Weiterhin ersetzen Schuldtitel auf er- warteten, in der Realität aber ausblei- benden Mehrwert die Verwertung des Kapitals in immer mehr Wirtschafts-
bereichen von der New Economy zum Immobiliensektor und bis in die In- dustrie hinein.
Die „Hoffnung auf einen rein von Schulden angetriebenen Auf- schwung“, über die der marxistische US-Ökonom Robert Brenner vor fast einem Jahrzehnt noch gespottet hatte, ist aber selbst bei den Apologeten des Kapitals längst einem Katzenjammer gewichen. Der kommende Einbruch jedenfalls scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Umstritten ist lediglich, wie damit umgegangen werden soll. Unabhängig davon, ob dann wie- der expansive Geldpolitik oder eine „schmerzhafte Periode kumulativen Verfalls“ (Streeck) mit dem Ziel der Wiederherstellung der Profitabilität des Kapitals eingeleitet wird, ist auch dann von einem dauerhaften Auf- schwung der Weltökonomie kaum auszugehen.
Axel Berger widmet sich vor allem wirtschaftspolitischen Themen. Er schreibt regelmäßig für die in Berlin erscheinende Wochenzeitung „Jungle World“, mit der die woxx seit vielen Jahren kooperiert.
Meister der Aktienblase: Auch Mario Draghi steht als Präsident der Europäischen Zentralbank für eine Politik, die Werte vorfinanziert, deren Realisierung zweifelhaft ist.
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