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14 REGARDS woxx  |  17 04 2015  |  Nr 1315 INTERGLOBAL
GLOBALE GELDPOLITIK
Mehr Geld als Verstand
Axel Berger
Durch die Fortsetzung der expansiven Geldpolitik in Europa und den USA entsteht eine Blase auf dem Aktienmarkt. Ihr Platzen ist nur eine Frage der Zeit.
Während die meisten Ökono- men von der Finanzkrise der Jahre 2007/2008 überrascht wurden, man- gelt es heute nicht an Warnungen. Bereits in ihrem 83. Jahresbericht vom April des Jahres 2013 ermahnte die Bank für Internationalen Zahlungs- ausgleich (BIZ), ein Zusammenschluss von 60 Zentralbanken, ihre Mitglieder, die Europäische Zentralbank (EZB), die US-amerikanische Federal Reser- ve (Fed) und die anderen relevanten Notenbanken, nachdrücklich. Da deren Bilanzen „insgesamt etwa auf das Dreifache des Vorkrisenniveaus angestiegen“ seien, sei es dringend notwendig, „die nach wie vor lang- sam wachsenden Volkswirtschaften zu einem kräftigen und nachhaltigen Wachstum zurückzuführen“.
Zu diesem Zweck forderte die im schweizerischen Basel ansässige In- stitution „Strukturreformen im Wirt- schafts- und Finanzbereich“, deren unbedingte Voraussetzung eine Be- endigung der expansiven Geldpolitik sei, der sich seit Ausbruch der Krise viele Notenbanken verschrieben ha- ben. „Billiges Geld macht es eben leichter, Schulden aufzunehmen an- statt zu sparen, Geld auszugeben an- statt Steuern zu erheben und weiter- zumachen wie bisher anstatt etwas zu verändern“, schrieben die Analys- ten der BIZ.
Zwei Jahre später machen die Verantwortlichen der Notenbanken
noch immer weiter wie bisher: Wäh- rend die Europäische Zentralbank durch den Ankauf von Staatsanleihen in Höhe von 1,14 Billionen Euro den Markt mit zusätzlichem Geld versorgt und die Zentralbanken fast aller Staa- ten ihre expansive Geldpolitik durch die Senkung ihrer Leitzinsen fortset- zen, hat auch die Fed den angekün- digten Rückzug aus dieser Politik um mehrere Monate aufgeschoben.
Anfang April machte der ehema- lige Chefberater der BIZ und derzeiti- ge Vorsitzende des Economic Review Committee der Organisation für Wirt- schaftliche Zusammenarbeit und Ent- wicklung (OECD), William R. White, seinem Ärger über die Nichtbeach- tung der Warnungen im Gespräch mit dem neoliberalen britischen Wirtschaftsforschungsinstitut Cobden Centre Luft. Nicht nur, dass das Aus- statten der Märkte mit gigantischen Geldsummen bisher keinen nachhal- tigen Aufschwung bewirkt habe; die „damit verbundenen unerwünschten Nebenwirkungen dürften sich im Lau- fe der Zeit immer stärker aufbauen“, sagte White, der auch schon für die Notenbanken Großbritanniens und seines Herkunftslandes Kanada tätig war. „Diese Politik muss rückgän- gig gemacht werden. Aber ich sehe niemanden, der das tut“, beurteilte White abschließend.
Natürlich könnte man diese War- nungen auch der Frustration eines alten neoliberalen Kämpen zuschrei- ben, der, sekundiert von Hunderten gleichgesinnter Think Tanks wie etwa dem Münchener Ifo-Institut für Wirt- schaftsforschung, gebetsmühlenar- tig auf die Selbstheilungskräfte des
Marktes verweist. Wenn sich nicht die nächsten Blasenbildungen in der Weltwirtschaft schon abzeichne- ten. Denn nach der Immobilienbla- se kündigt sich nun die der Unter- nehmen an.
Die Zimmervermittlung Airbnb ist an der Börse mehr wert als jede Hotelkette – und dies bei einem Jahresgewinn von zehn Millionen Dollar.
Im US-Finanzportal Zero Hedge hat David Stockman, ehemaliger Bud- getdirektor des US-Präsidenten Ronald Reagan und Gesinnungsgenosse von White, dazu unlängst aktuelle Zahlen vorgestellt, deren Aussagekraft nicht mit dem Hinweis auf den politischen Standort des Autors zu entkräften ist: „Auf dem Höhepunkt der letzten Fi- nanzblase (2007/2008) erreichte der globale Aktienmarkt einen Spitzen- wert von 60 Billionen Dollar. Infolge der Lehman-Kernschmelze (...) ist er auf knapp 25 Billionen abgestürzt. Der aktuelle Wert der neuen Akti- enblase liegt bei 80 Billionen Dollar (und entspricht damit in etwa der Weltwirtschaftsleistung im vergan- genen Jahr, A. B.), dank der abenteu- erlichen Rücksichtslosigkeit, mit der die Zentralbanker weltweit Geld ins System gepumpt haben.“ Der Titel des Artikels: „Zentralbanker bedienen Weltuntergangsmaschine“.
Diese Entwicklung gilt zunächst für die New Economy. Längst wur-
de hier der Rekordindex der an der New Yorker Technologiebörse Nas- daq gelisteten Unternehmen aus dem Jahr 2000 – kurz vor dem Plat- zen der Dotcom-Blase – gebrochen. Um 300 Prozent hat der Nasdaq seit 2009 zugelegt. Im Schnitt werden die Unternehmen dort mit einen Kurs- Gewinn-Verhältnis von 24:1 bewer- tet. Als normal gilt eine Relation von 14:1. Zwar ist man dabei noch weit vom Stand des Jahres 2000 entfernt, als der Durchschnittswert der Un- ternehmen beim Hundertfachen des Jahresgewinns lag, aber die Überbe- wertungen nehmen immer absurdere Formen an.
So ist derzeit etwa der Zimmer- vermittlungsdienst Airbnb mit 20 Mil- liarden US-Dollar an der Börse mehr wert als jede Hotelkette – und dies bei einem Jahresgewinn von nur etwas mehr als zehn Millionen Dollar. Der Fahrvermittlungsdienst Uber, dessen Jahresumsatz im vergangenen Jahr bei mageren 213 Millionen Dollar lag, erreicht mit einem Börsenwert von 40 Milliarden Dollar den doppelten Wert von Fiat Chrysler und mehr als die Hälfte des Werts des VW-Konzerns.
Dazu passt auch, dass sich Face- book vor gut einem Jahr den Kauf von Whatsapp unvorstellbare 19 Milliar- den Dollar kosten ließ – mehr als das Zehnfache des eigenen Gewinns –, ob- wohl das gekaufte Unternehmen mit seinen 50 Mitarbeitern bisher kaum Gewinne erwirtschaftet hatte. Aber nicht nur in Mark Zuckerbergs Unter- nehmen haben die Investoren große Geldsummen angelegt, aus denen der Deal letztlich bezahlt wurde. Allein 33 Milliarden Dollar wurden im ver-


































































































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